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«learning from Geltenwilenstrasse 4»: Architektur als Praxis des Reparierens

Wie lässt sich ein bestehendes Gebäude weiterdenken, statt es zu ersetzen? Die Jahresausstellung «learning from Geltenwilenstrasse 4» der ArchitekturWerkstatt St.Gallen der OST präsentiert die Ergebnisse eines einjährigen Reallabors rund um die Geltenwilenstrasse 4. Gezeigt werden Analysen, Entwürfe, Modelle, Filme, Fotografien und räumliche Interventionen, die das architektonische Reparieren als Haltung zwischen Bestand, Stadtentwicklung und nachhaltigem Weiterbauen erfahrbar machen.

Die ArchitekturWerkstatt St.Gallen der heutigen OST – Ostschweizer Fachhochschule versteht Architektur als Werk und Handwerk: als gemeinsames Denken, Machen und Erproben. Sie verbindet den Bachelor- und Masterstudiengang Architektur, das Institut für Architektur IFA, Studierende, Dozierende und Mitarbeitende zu einer gelebten Werkstattgemeinschaft. Seit 2017 befindet sie sich in der alten Hauptpost am Bahnhofsplatz St.Gallen, wo Ateliers, Werkstätten, Seminarräume und ein Galeriecafé eine «kleine Stadt in der Stadt» bilden. Im Zentrum stehen die Analyse gebauter Referenzen, das Entwerfen, Konstruieren und Darstellen sowie eine integrale, generalistische Haltung.

«learning from Geltenwilenstrasse 4»

Im Studienjahr 2025/26 hat sich die ArchitekturWerkstatt St.Gallen der OST – Ostschweizer Fachhochschule unter dem Motto «reparieren» ein Jahr lang über alle Fächer hinweg mit der Geltenwilenstrasse 4 auseinandergesetzt, einer Immobilie, die vom Kanton St.Gallen als Reallabor zur Verfügung gestellt wurde. Die Ergebnisse dieser gemeinsamen Arbeit werden nun vor Ort in der Jahresausstellung gezeigt.

Die Geltenwilenstrasse 4 ist ein gewachsenes Konglomerat aus mehreren Bauten, Nutzungen und Zeitschichten. Ein ehemaliges Wohnhaus, eine spätere Industrie- und Gewerbebaute, ein postmoderner Verbindungsbau, grosse Hallen, kleine Zimmer, Wohnungen, Treppen, Zwischenräume und Spuren eines früheren Fitnessstudios bilden ein räumlich und konstruktiv komplexes Ensemble. Zentral gelegen und zugleich abseits, zwischen Gleisfeld, Güterbahnhof und St.Leonhards-Brücke, steht das Gebäude an einer städtebaulichen Bruchkante direkt am Bahneinschnitt der ehemaligen Bahn nach Appenzell.

Das Jahresmotto «reparieren» wurde dabei nicht nur als handwerkliche Technik verstanden, sondern als architektonische Haltung. Reparieren bedeutet, genau hinzusehen, Bestehendes ernst zu nehmen, Mängel nicht vorschnell als Ende zu begreifen und Entscheidungen zwischen Erhalten, Verändern, Ergänzen, Rückbauen und Weiterbauen bewusst zu treffen. Die Arbeit an der Geltenwilenstrasse 4 wurde so zu einer Auseinandersetzung mit Ressourcen, Atmosphäre, Konstruktion, Nutzung, Geschichte und Zukunft.

Vom Gegenstand zum Haus zum Quartier

Zum Auftakt des Studienjahres führte die All School Charrette in das Thema ein. Repariert wurden zunächst Gegenstände, anschliessend wurde das Haus inspiziert, aufgenommen und in seinen räumlichen und materiellen Eigenschaften befragt. In den Analysemodulen untersuchten die Studierenden das Quartier, die Schnittsequenzen, die historische Entwicklung, die Bauteile und die Möglichkeiten eines Bauteillagers. Rückbau, Wiederverwendung und zirkuläres Bauen wurden dabei ebenso thematisiert wie die zeichnerische, fotografische und filmische Darstellung räumlicher Zusammenhänge.

In den Entwurfsstudios Bachelor und Master wurde die Geltenwilenstrasse 4 als Ort des Weiterbauens, Wohnens und der Stadtreparatur bearbeitet. Im Herbstsemester standen neue Formen des Wohnens im Bestand im Zentrum: kollektive Wohnformen, preisgünstiger Wohnraum, gemeinschaftliche Nutzungen und die Frage, wie an einem komplexen, zentralen und doch eigentümlich entrückten Ort künftig gewohnt werden könnte.

Die Stadt als neuer OST-Campus

Im Frühjahrssemester verschob sich der Blick auf die Stadt als Campus. Im Entwurf 4 entstand dafür ein 16m langes, grosses gemeinsames Stadtmodell im Massstab 1:100, das den räumlichen Perimeter vom Osten des Bahnhofs St.Gallen über das Fachhochschulzentrum hinweg, zur Geltenwilenstrasse und weiter bis westlich hinter den Güterbahnhof abbildete. In diesem Modell wurde als «Stadtreperatur» der neue Campus der OST als räumliches Gefüge unterschiedlicher Bausteine gedacht: von der neuen Textilfachschule im Osten über einen neuen direkten Zugang zum Fachhochschulturm aus der Bahnhofunterführung, einen grossen Campuspark, eine Mensa als leichten, beschwingten Aufbau auf der alten Lokremise, eine neue Maschinenversuchshalle, ein Learning Center in der leerstehenden St.Leonhardskirche, studentisches Wohnen am Güterbahnhof bis hin zu einer neuen direkten Unterführung als kühlem Stadtraum zwischen Campuspark und Geltenwilenstrasse.

Damit wurde die Hochschule nicht als abgeschlossener Grossbau verstanden, sondern als dezentrales Geflecht aus Lehr-, Lern-, Kultur-, Alltags- und öffentlichen Nutzungen. Hochschule und Stadt sollten sich überlagern, gegenseitig nutzen und synergetisch ergänzen. Die Stadt bietet bereits vieles, was eine Hochschule benötigt: Räume für Lehre, Austausch und Alltag. Nicht nur der Korridor oder der Windfang eines Hochschulgebäudes werden als Orte der Begegnung verstanden, sondern auch das Trottoir, der Platz, die Unterführung, der Park, die Bar, die Mensa, der Lernraum oder die Kirche. Was in einem Moment Hochschule ist, kann im nächsten wieder Teil der Stadt werden und umgekehrt. Nachhaltiges Denken beginnt mit der multiplen Nutzung von Räumen.

Verschiedene studentische Projekte als Jahresausstellung

Auch die begleitenden Fächer arbeiteten am Jahresthema mit. In «Wahrnehmen und Darstellen» entstanden phänomenologische Skizzen, Filme, bewegte Bilder und atmosphärische Lesarten des Ortes. In Tragwerk, Struktur und Fügung sowie in der Werkstattwoche wurde die Frage des Reparierens konstruktiv und materiell weitergeführt. In der Werkstattwoche in Kooperation mit Blumer Lehmann, die an das Projekt «Walz 4.0 – Hochschule und Handwerk» angebunden ist, wurden in und an der Geltenwilenstrasse vier studentische Projekte aus Holz im Massstab 1:2 realisiert, ein Massstab, der konstruktive Details, räumliche Wirkung und Materialität unmittelbar erfahrbar macht.

Die ArchitekturWerkstatt hat umgebaut, angebaut, analysiert, abstrahiert, konkretisiert und gemalt. Das bildnerische Gestalten fertigte Wandbilder, die Tragwerkslehre untersuchte in konzeptionellen Modellen die mehrfach umgebaute Struktur des Bestandes, und fotografische Aufnahmen dokumentieren Räume, Oberflächen, Zustände und Zwischentöne.

Die Jahresausstellung zeigt nun die Arbeiten eines ganzen Studienjahres: Analysen, Entwürfe, Modelle, Zeichnungen, Filme, Fotografien, Wandbilder, Bauteilkataloge und räumliche Eingriffe. Sie macht sichtbar, wie ein reales Gebäude zum gemeinsamen Denk-, Arbeits- und Erfahrungsraum wurde und wie eine Mentalität des Reparierens als architektonische Praxis zwischen Bestand, Entwurf, Konstruktion, Stadt und Öffentlichkeit verstanden werden kann.

Eröffnung der Jahresausstellung

Die ArchitekturWerkstatt St.Gallen lädt herzlich zur Eröffnung der Jahresausstellung «learning from Geltenwilenstrasse 4» ein.

Donnerstag, 18. Juni 2026, 18 Uhr
Geltenwilenstrasse 4
9000 St.Gallen
anschliessend Apéro

Begrüssung und Führung
Anna Jessen, Leitung ArchitekturWerkstatt
Erol Doguoglu, Kantonsbaumeister St.Gallen
Katharina Immekus, Dozentin für Gestaltung

Wir freuen uns über Ihre Anmeldung, ebenso aber über einen spontanen Besuch.

Die Ausstellung kann vom 19. Juni bis 05. Juli 2026 sowie vom 17. September bis 30. September 2026 jeweils von Montag bis Donnerstag nach Vereinbarung besichtigt werden.